Die Hausnummer
Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung
Projekt: Hausnummernfotografie
Ort: ecosign, Köln (Dozent: M. Leischner)
Jahr: 2008
Die Hausnummer hat eine bisher wenig ausgeleuchtete Geschichte. Hausnummern gibt es seit dem 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung und des Hinterfragens von Autoritäten, der Rationalisierung und der Bürokratisierung. Staaten begannen sich einen allumfassenden Zugriff auf die Bürger zu verschaffen. Michel Foucault sah in diesem Bestreben die Disziplinierung der Gesellschaft, was er in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ am Beispiel der Karteikarten zu beschreiben versuchte. Der Historiker Anton Tantner fand durch seine Geschichtsforschungen zum Umgang mit Nummerierungen von Häusern heraus, dass der Staat die Häuser nicht zur Erleichterung der Orientierung mit einer Nummer versah, sondern vorrangig politische Überlegungen damit verfolgte. Hausnummern sollten die Erfassung von Steuerpflichtigen effizienter machen, im Fall von Truppenbewegungen die Militäreinquartierung vereinfachen oder – wie im Fall der Einführung der Hausnummern in der Habsburgermonarchie 1770 – die Rekrutierung erleichtern. Das Volk reagierte, wenig überraschend, mit Widerstand und versuchte stellenweise sogar die gemalten Nummern wieder zu entfernen. Es entstand eine Debatte, wie wir sie auch heute bei Einführung von biometrischen Pässen usw. wieder haben.
Unter einer Hausnummer ist jedes Haus gleich. Diese demokratische Tatsache führte damals bei den Adeligen zu Widerstand, da sie sich nicht mit dem „Pöbel“ in einer „Zahlenreihe“ befinden wollten. In Prag wurden die Hausnummern von sogenanntenvon Juden in ihren sogenannten „Judenhäusern“ nicht – wie alle anderen Häuser – mit arabischen, sondern mit römischen Zahlenzeichen versehen. Somit wurden zu dieser Zeit die Hausnummern sogar als Diskriminierungsmaßnahme eingesetzt und missbraucht.Denken wir an Hausnummern, fällt uns eine Zahl ein und vielleicht ein oder zwei „Standardschilder“: das typische blauweiße Emailleschild mit den serifenbetonten Zahlen oder vielleicht eine moderne, hintergrundbeleuchtete Zahl. Doch weit gefehlt.
Alsbald fand ich mich auf einer Reise durch die unerwartete Vielfalt der Hausnummern der Nation.
Fragen wie: „Warum ausgerechnet diese Schriftwahl?“, „Warum genau diese Farbe?“, „Weshalb dieses Material?“ oder auch „Warum dieser Umgang mit den Ziffern?“ begleiteten mich dabei.
In diesem Buch finden sich knapp 250 Hausnummern, die alle unterschiedlich sind. Manches Mal wurde vielleicht die selbe Schrifttype angewandt, aber der Umgang mit der Wahl der Position, der Auseinandersetzung mit dem Untergrund und auch die Umweltfaktoren haben unterschiedliche und teils entscheidende Einflüsse auf jede einzelne Ziffer im Potpourri der Hausnummern genommen.
So hat in der Detailbetrachtung jedes Haus, zusätzlich zu seiner eigenen Gestalt, ein charakterisierendes Zusatzelement (die Hausnummer) bestehend aus mindestens einer Ziffer, einer Farbe, einem Ort der Anbringung, einem bestimmten Material sowie unzähligen unkalkulierbaren, äußeren Faktoren …






























